Montag, 12. Juli 2010

Auch Ohren brauchen Ruhepausen

Zu laut, zu lange und zu nah an der Schallquelle: Es gibt Hinweise, dass MP3-Player Schwerhörigkeit fördern
Vor allem Jugendliche laufen Gefahr, sich die Ohren zu verderben.
Alles ist eine Frage von Dezibel. Rund jeder sechste 15-Jährige reagiert nicht mehr auf Töne, die ein gesundes Ohr problemlos wahrnimmt: Das zeigte kürzlich eine Untersuchung der Tiroler Fachhochschule für Gesundheit und der Uniklinik Innsbruck bei 196 Schülern. Amerikanische Studien bei 17- bis 25-Jährigen bestätigen dies. Hören Jugendliche schlechter als früher? Liegt das etwa an MP3-Playern?

Über diese Frage streiten sich die Forscher. Manche sind sich sicher: Ja, sie führen zu Schwerhörigkeit. Andere widersprechen: Das sei überhaupt nicht bewiesen. Wer hat recht? "MP3-Player haben sich so schnell verbreitet, dass wir kaum hinterherkommen, die gesundheitlichen Konsequenzen zu erforschen", sagt Peter Rabinowitz, Gesundheitswissenschafter an der Yale-Universität in den USA. "Einige kleine Studien zeigen, dass Jugendliche und junge Erwachsene, die ihren MP3-Player häufig benutzen, schlechter hören." Es gebe jedoch bisher keinen Beweis dafür, dass das Gehör von Jugendlichen generell schlechter sei als vor zwanzig Jahren. "Vielleicht ist es noch zu früh, um die Schäden für das Gehör nachzuweisen."

In Europa verwenden Millionen von Menschen täglich einen MP3-Player. "Die Geräte sind genauso gefährlich oder ungefährlich wie CD-Player, Walkmen oder eine Hi-Fi-Anlage", sagt Patrick Zorowka, Direktor der Klinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen an der Med-Uni Innsbruck. "Das Problem ist, dass viele ihren Ohren keine Ruhepause gönnen." Zu viel Lärm schadet definitiv dem Gehör: "Das wissen wir spätestens seit Untersuchungen bei Fabrikarbeitern in den 50er-Jahren", sagt Roland Laszig, Direktor der Hals-Nasen-Ohren-(HNO)-Klinik an der Uni Freiburg. "Waren die Arbeiter zu lange zu hohen Schallpegeln ausgesetzt, wurden sie schwerhörig."

Der Schallpegel ist ein Maß dafür, wie stark die Sinneszellen im Innenohr (Haarzellen) belastet werden. 80 Dezibel entspricht der Lautstärke von Straßenverkehr, 90 Dezibel erzeugt eine Fräsmaschine und 110 eine Kettensäge. "Bei der Frage, wie sehr die Player dem Gehör schaden, spielen drei Faktoren eine Rolle", erklärt Laszig. "Erstens, wie laut man hört, zweitens, wie lange man hört, und drittens, wie weit die Schallquelle vom Innenohr entfernt ist." Dort nehmen die Haarzellen den Schall auf, verarbeiten ihn und leiten die Signale an das Gehirn weiter. "Ist man längere Zeit Lärm ausgesetzt, werden die Zellen nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt, und man wird vorübergehend schwerhörig." Normalerweise erholen sich die Zellen wieder, und am nächsten Morgen hört man wieder normal. "Beschallt man sein Ohr aber ständig und gönnt ihm keine Ruhepause, sterben die Haarzellen."

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