Sonntag, 25. Juli 2010

Voll im Öl, ganz still und total entspannt

Tempo reduzieren, Beschwerden lindern oder sich etwas Gutes tun ist Ziel einer Kur - Ein Ayurveda-Programm im südindischen Kerala bietet eine sanfte Variante
Kovalam - Der gekachelte Behandlungsraum liegt im Halbdunkel. Ein Holztisch mit Matratzenauflage steht an einer Seite, an der anderen ein kniehohes Tischchen mit einer kleinen Blumenvase, einer Öllampe und Räucherstäbchen. Der Docht der Öllampe wird entzündet, die Räucherstäbchen glosen.
Man möge sich auf den in der Mitte des Raums befindlichen Schemel setzen. Ausziehen? Ja. Ganz? Ja. Die Therapeutin berührt die Füße der Patientin, anschließend die eigene Stirn, legt ihren Daumen auf die Patientenstirn zwischen die Augenbrauen. Der Zeigefinger sucht eine Stelle am Scheitel. Sie beginnt zu singen. Ein kleines, kurzes, leises Lied, in der Stimmung der Fürbitten der Sonntagsmesse.

In der Ouverture zur vierzehntägigen Ayurveda-Kur wird sofort eingelöst, was die Broschüre verspricht: Entspannung, Ruhe, nur das Nötigste reden und denken. Auch außerhalb des Therapieraums heißt es: Keine Ablenkungen, kein Fernsehen, kein Internet, kein Handy, total offline sein. Vor allem von den eigenen Gedanken an das Leben zu Hause. Dieses wird noch im ärztlichen Erstgespräch erörtert.

"Welcome to India!" Dr. Raman, Chefarzt des Somatheeram-Ayurveda-Ressorts im südindischen Kovalam fühlt den Puls, misst den Blutdruck, Zunge raus. "Ts, ts, eine europäische Zunge wie eine Landkarte. Schauen Sie meine an, so muss das aussehen." Wie alt, wie groß, wie schwer, wird gefragt. Zigaretten? Wie viele? Alkohol? Was und wie oft? Krankheiten, Operationen? Aktuelle Beschwerden? Bis dahin kommt die Prozedur dem europäischen Kurgast bekannt vor.

Aber dann. Lieblingsessen? Libido? Und überhaupt: Wie geht es Ihnen denn? Sind Sie glücklich? Schlafen Sie gut? Können Sie sich gut konzentrieren? Wie geht's der Familie? Haben Sie Sorgen? All das will ein Ayurvede wissen. Das ist sein Kerngeschäft. Das Sanskritwort Ayur bedeutet Leben, Veda ist das Wissen. Und noch eine Überraschung: Der Ayurvede schimpft den Europäer nicht, präsentiert ihm nicht die Rechnung für sein westliches Lotterleben, die zu vielen Zigaretten, die zu vielen Arbeitsstunden, das falsche Essen, weshalb man nun die Härten eines wie immer gearteten Entzugs leiden müsse. "Alles hat mit allem zu tun, niemals ist ein Faktor allein die Ursache für einen Zustand", tröstet Dr. Raman und verkündet die wichtigste Botschaft vor Kurbeginn: das Dosha.

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